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Der Leben spendende Geist

Pfarrer Hermann Differenz, Geistlicher Leiter des Senatus Frankfurt

In der Schule habe ich zwei Jahre französisch gelernt, aber mittlerweile habe ich Jahrzehnte lang alles vergessen und nicht gepflegt. Als ich einmal in Paris war, hörte ich eine Predigt. Ich habe nur wenige Worte verstanden, aber ich spürte über die Grenze der Sprache hinweg die Überzeugung, die Atmosphäre des Glaubens und die Echtheit des Priesters, der mit uns den Gottesdienst gefeiert hat. Das hat mich beeindruckt. Aber auf der anderen Seite sprechen wir manchmal dieselbe Sprache, dieselben Worte und verstehen uns doch nicht, wir reden aneinander vorbei, machen leere Sprüche ohne Inhalt und Leben und sagen nicht, was uns bewegt.
Die Texte der Vorabendmesse des Heiligen Pfingstfest greifen diese Erfahrungen auf. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Gen 11, 1-9) ist für mich mehr als eine historische Begebenheit, sie umschreibt eine Erfahrung, die wir als Menschen bis heute immer wieder machen können.

Dort, wo der Mensch über sich hinaus will, wo einer besser oder mehr sein will als der andere, da verstehen sich die Menschen bald nicht mehr und reden aneinander vorbei. Wo der eine mehr gelten will als der andere, da verlieren sie die Achtung und den Respekt, da werden sich die Menschen fremd, da zerbricht der Friede, obwohl uns Menschen trotz der äußerlichen, scheinbaren Unterschiede nach Hautfarbe und Rasse nur wenig trennt.
Im Kern sehnen wir uns alle nach erfülltem Leben, nach Angenommensein, nach Geborgenheit und Liebe, im Kern sind wir uns gleich und dennoch stehen da Völker gegeneinander und der eine will Macht und Geld, will hoch hinaus.
Dort, wo der Mensch Gott vergisst, wo der Mensch sich selber an Gottes Stelle stellen will, da geht jede Kontrolle verloren, da verschwinden Achtung und Liebe.
Am Pfingsttag schenkt Gott seinen Aposteln, den Frauen und in ihrer Mitte der Frau, die seine Kraft schon so oft erfahren hat, Maria, seine Lebenskraft, den Heiligen Geist.
Jesus vergleicht sie im Evangelium mit einer Quelle. Gottes Kraft ist die Quelle des frischen Wassers, ohne die es kein Leben gibt. Gott schenkt den Lebensstrom, der die Grenzen wegspült, der übersprudelt und alles mit Liebe und Verstehen überströmt, der wie ein Fluss Nationen und Länder durchfließt und miteinander verbindet, der an seinen Ufern Hoffnung, Liebe und Leben wachsen lässt.

An Pfingsten verstehen die vielen Völker die Begeisterung des Petrus. Aus einer Handvoll ängstlicher Menschen wird durch Gottes Geist eine Gemeinschaft, die über Grenzen hinweg Völker und Nationen miteinander verbindet: die Kirche.

Und dennoch wurden auch in dieser Kirche immer wieder Türme von Babel gebaut, wenn Christen gegeneinander standen, wenn Glaubende ihr Herz nicht mehr an Gott sondern an äußeren Glanz und äußere Ehre und Macht hängen. Wenn das Evangelium zwar vorgelesen, aber nicht nachgelebt wird, dann zerbricht der selbstgebaute Turm und die Menschen stehen vor den Trümmern. Dennoch gibt es immer wieder auch das Wunder des Geistes, wenn auf einmal wieder Menschen sich vom Strom des Geistes erfassen lassen und mit Begeisterung, mit Echtheit und Liebe eine alte Kirche wieder aufbauen. Wir in der Legion rufen deshalb immer wieder ganz bewusst, wie Maria, die Apostel und die Frauen, um den Geist, der uns verbindet und vorantreibt. Wir haben im Legionsaltar das Bild der Heilig-Geist-Taube im Vexillum vor Augen. Wie Maria sich öffnet und seine Gnaden weiterschenkt, so versuchen wir uns ihm und seinem Wirken zu öffnen, dass die Quelle des Lebens auch uns durchströmt und durch uns hinausströmt in die Kirche, in die Welt.

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