
Die Frage, ob wir die Leute daher erst zu Maria bringen müssen, um sie dann zum katholischen Glauben zu bekehren, oder umgekehrt, ist für mich daher eine besonders wichtige und schwierige Frage. Und ich denke, hier gibt es keine pauschalen Antworten. Als ich selbst gerade in der Kollegstufe des Gymnasiums war und gerne evangelische Pastorin werden wollte, war ich so davon beseelt, Christus zu lieben, dass ich mich dessen irgendwann nicht mehr würdig fühlte und in eine tiefe Glaubenskrise stürzte. Zwei Jahre später konvertierte ich, und viele katholische Freunde und Geistliche haben mich auf diesem Weg behutsam begleitet.
Doch keiner wäre auf die Idee gekommen, mir voreilig Wallfahrten zur Gottesmutter, Marienerscheinungen oder den Rosenkranz aufzudrängen. Vielmehr hatte ich das Glück, an Menschen geraten zu sein, die mich genau da abholten, wo ich mit meiner tiefsten Sehnsucht in die Sackgasse geraten war: Bei meinem Wunsch nach tiefer und unverlierbarer Gottesnähe! Und auch hier konnten sie ja aus dem reichen Schatz der katholischen Tradition schöpfen, um mir das Wasser zu reichen, nach dem ich dürstete. Also luden sie mich zum Beispiel erst einmal zu Kreuzwegandachten und in die wunderbare Karfreitagsliturgie ein, weil ich als strenge Lutheranerin bereits einen besonderen Bezug zur Meditation der Leiden Christi hatte. Ich war ganz und gar überwältigt von der Mystik und Schrifttreue dieser Feiern! Deshalb kam ich auch ohne Einladung immer wieder. In der Eucharistie, die in der katholischen Kirche täglich gefeiert wird, während meine lutherische Gemeinde aus Ehrfurcht vor dem Heilsmysterium nur einmal im Monat ein "heiliges Abendmahl" hatte, lernte ich schließlich meinen Jesus in all seiner Menschlichkeit und Hingabe an uns arme Geschöpfe neu und befreiend kennen. Genau in dieser Weise geschah es auch, dass meine Glaubenszweifel und Ängste vor der Hölle langsam schwanden.
Doch erst als ich unendlich danach brannte, selbst die Eucharistie der römischen Kirche empfangen zu dürfen, habe ich über die Erkenntnis dieser Wahrheit zum Papst und zu Maria gefunden, obwohl mir diese beiden Elemente des Katholizismus zuvor immer als Häresien erschienen waren. Mittlerweile bin ich selbstverständlich dankbar, dass ich gerade auch im Blick auf Maria den Menschgewordenen Gott immer neu erkennen und lieben darf. Und ich bin dankbar, dass weder meine katholischen Freunde noch die Gottesmutter selbst mich zu Anfang bedrängt haben. Sie alle haben geduldig auf mich gewartet.
Auch in meinem Apostolat als Legionärin Mariens beherzige ich deshalb diese stille Zurückhaltung bis heute. Wie Maria mochte ich spüren, wo den Leuten der Wein ausgeht, und genau diese Krüge fülle ich nach. Es wäre falsch, den Leuten Brot anzubieten, solange sie noch Durst haben. Ob Maria ein direkter Einstieg in den Glauben sein kann oder nicht, das darf man demnach nur Fall für Fall entscheiden, während die allerseligste Jungfrau aber im Herzen der Kirche immer gegenwärtig bleibt. Als meine Zeit reif dafür war, habe ich auch angefangen, Luthers frühe Schriften über Maria zu lesen, und ich habe gelernt, welch großer Verehrer der Gottesmutter er in der Tat gewesen ist. Vielen Legionären, die wegen ihrer Marienverehrung von Andersgläubigen nur Ablehnung erfahren, mag es ein Trost sein, dass heute jedenfalls eine von diesen "Ungläubigen" mitten unter ihnen weilt.
Mit allen guten Segenswünschen, Ihre Sr. Monika Barget, Augsburg.
(Artikel aus "Die Stimme der Legion")