Sie sind hier: Service » Theologische Artikel » Zur Glaubwürdigkeit gehört Demut » 

"Zur Glaubwürdigkeit gehört Demut"

Friedrich Kardinal Wetter, (Alt-) Erzbischof von München und Freising

Beim Propheten Jesaja sagt Gott von seinem Wort, das er an die Menschen ergehen lässt: "Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Das Wort Gottes besitzt demnach eine Durchsetzungskraft, der nichts widerstehen kann. Gegen alle Skepsis wird die Saat des göttlichen Wortes aufgehen und Frucht bringen. Das ist Trost und Ermutigung für alle, die im Dienste des Wortes Gottes stehen. Sie arbeiten nicht ins Leere. Der Same des göttlichen Wortes, den sie in die Herzen der Menschen säen, wird aufgehen und Frucht bringen, auch in unserer Zeit.

Jesus ergänzt das Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja im Sämannsgleichnis. Wie der Same vom Erdreich aufgenommen werden muss, um Frucht zu bringen, so muss auch das Wort Gottes von den Menschen aufgenommen werden (vgl. Mt 13,1-9.18-23). Das setzt voraus, dass das Wort, das Gott einst gesprochen hat, den Menschen verkündet wird und ankommt. "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen und durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn", beginnt der Hebräerbrief (Hebr 1,1f). Was Gott gesprochen hat, soll zu allen Menschen gelangen.

Dazu hat Jesus Boten beauftragt. Vor seiner Himmelfahrt hat er die Apostel ausgesandt: "Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8). Die Verkündigung des Wortes Gottes, die mit den Aposteln begonnen hat und in der Kirche weitergeht, hat also den Charakter des Zeugnisses. "Ihr werdet meine Zeugen sein", sagte Jesus zu den Aposteln und zu allen, die den apostolischen Dienst am Wort Gottes weiterführen. Zeugenschaft schließt Glaubwürdigkeit ein. Ein Zeuge, der nicht glaubwürdig ist, braucht seinen Mund erst gar nicht auftun. Ein unglaubwürdiger Zeuge ist unbrauchbar. Der heilige Paulus legt großen Wert auf seine Glaubwürdigkeit. Er drückt dies programmatisch im zweiten Korintherbrief aus. Dort sagt er, seine Verkündigung geschehe "aus Lauterkeit und in Christus, von Gott her und vor Gott" (2 Kor 2,17). Das Wort im griechischen Urtext, das hier mit Lauterkeit wiedergegeben ist, setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: aus "Sonnenlicht, Sonnenwärme" und "prüfen". Lauter ist demnach der, welcher am Sonnenlicht geprüft ist und makellos befunden wird. Lauter und glaubwürdig ist der Zeuge des Wortes Gottes, dessen Verkündigung am Sonnenlicht der Wahrheit Gottes und an der Sonnenwärme seiner Liebe geprüft als richtig und makellos befunden wird.
Wie steht es mit unserer Glaubwürdigkeit? Wir erleben heute eine Krise der Glaubwürdigkeit in unserer Gesellschaft. Im Bereich des öffentlichen Lebens ist das offenkundig, nicht zuletzt im wirtschaftlichen und im politischen Leben. Die Kirche ist dabei nicht ausgenommen. Nur in einer glaubwürdigen Verkündigung kommt Gottes Wort zu den Menschen als das, was es in Wahrheit ist, als Gotteswort im Menschenwort (1 Thess 2,13). Nur so bringt es Frucht im Herzen und Leben der Menschen. In einer Zeit wie der unsrigen ist es nötig, mit erhöhter Aufmerksamkeit auf unsere Glaubwürdigkeit zu achten. Gott hat uns auch in unserer Zeit leuchtende Vorbilder geschenkt, deren Glaubwürdigkeit von allen anerkannt wird. Ich erinnere nur an Maximilian Kolbe, Pater Rupert Mayer und Mutter Teresa. Das sind lautere, glaubwürdige Zeugen des Evangeliums.

Wir feiern unseren Gottesdienst in einer Kapelle, die der heiligen Edith Stein geweiht ist. Hier steht auch das Kreuz, das der Heilige Vater bei der Seligsprechung von Edith Stein 1987 getragen und anschließend Kardinal Höffner geschenkt hat. Von Edith Stein ist uns ein Wort überliefert, das aussagt, worauf es bei der Bezeugung des Evangeliums ankommt: "Du sollst sein wie eine Scheibe, durch die das Licht der Liebe Gottes in die Welt fällt. Die Scheibe darf nicht stumpf und schmutzig sein, sonst hinderst du das Licht." Dieses Wort macht deutlich, was Glaubwürdigkeit heißt: Durchlässigkeit, Lauterkeit. So kommt Gottes Wort zu den Menschen; so kann der Same des Evangeliums in die Herzen der Menschen fallen und Frucht bringen.

Der heilige Paulus sagt von seinem Dienst am Evangelium: "Wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" (2 Kor 4,7). Die gleiche Erfahrung machen auch wir. Unsere menschliche Schwachheit gleicht dem zerbrechlichen Gefäß, in dem wir den kostbaren Schatz des Evangeliums zu den Menschen tragen. Diese Einsicht bewahrt davor, als die Überlegenen aufzutreten, die alles besser wissen. Romano Guardini schrieb: "Dass die sichersten Urteile und die entschiedensten Forderungen oft von innerlich ratlosen Menschen kommen, ist jedenfalls gewiss." Das erleben wir auch in unserer kirchlichen Landschaft. Überheblichkeit, die sich unangreifbar gebärdet, zerstört die Glaubwürdigkeit, auch wenn sie bisweilen im äußeren Gewand der Demut daherkommt.
Zur Glaubwürdigkeit gehört die ehrliche Demut, die wie der Täufer Johannes von sich weiß: Ich bin nur die Stimme. Diese Demut beugt sich unter das Wort Gottes und lässt allein Gott zu Wort kommen. Als Zeugen des Evangeliums müssen wir das Wort Gottes ergreifen oder richtiger gesagt, uns von ihm ergreifen lassen, dass es unser Leben bestimmt und wie ein Licht durch die Scheibe zum Leuchten kommt. Dieser Vorgang ist nie abgeschlossen, solange wir in dieser Welt leben. Jeden Tag stehen wir aufs Neue vor dieser Aufgabe.

Ohne dieses tagtägliche Bemühen sind wir nicht glaubwürdig. Die Menschen, die Gottes Wort aus dem Mund des Verkünders hören, müssen spüren, er ist selbst ein Hörer dieses Wortes, der mit uns den Weg des Glaubens geht und uns auf diesem Weg vorausgeht. So können auch zerbrechliche Gefäße das Wort Gottes glaubwürdig zu den Menschen tragen, das Wort, das "eine Macht Gottes ist, die jeden rettet, der glaubt" (Röm 1, 16), das Wort, das Wahrheit und Liebe in einem ist und in dem sich Gott als Wahrheit und Liebe den Menschen mitteilt. Seien wir darum wie Scheiben, die nicht stumpf und nicht schmutzig sind, sondern klar und rein, lauter und glaubwürdig, durch die das Licht der Wahrheit und Liebe Gottes in die Herzen der Menschen fällt. Dann wird Gottes Wort nicht leer zu Gott zurückkehren, sondern bewirken, was er will, und all das erreichen, wozu er es ausgesandt hat (Jes 55,11).

Aus: Die Tagespost, Nr. 27/04.03.2004

< zurück zur Übersicht